Update! Viel Schatten, wenig Licht – Mein ODC-Recap

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Anzeige für die ODC in der aktuellen Ausgabe der Website Boosting

Die ODC (Abkürzung für Open Digital City) ist die Antwort des Veranstalters der bekannten Online-Marketing-Events Marketing-Underground, Contentixx und SEO Campixx auf die Corona-Krise. Da ich auf den SEO Campixx Events in den Jahren 2012 bis 2016 viele tolle Menschen und Marketer kennenlernen durfte, habe ich mich auf die virtuelle Version einer Online-Marketing-Veranstaltung aus dem Hause Sumago sehr gefreut. Die ersten Ankündigungen und Visuals der ODC sahen sehr vielversprechend und sehr interessant aus, insbesondere da ich als leidenschaftlicher Gamer und Besitzer einer Oculus Rift das volle VR-Potential ausschöpfen wollte. Vielleicht waren meine Erwartungen aber auch viel zu hoch, denn bei einer Vorab-Führung durch die ODC vor ein paar Wochen hatte ich bereits eine Menge Fragezeichen im Kopf und spätestens nun mit dem Launch der ODC am 1.12. stellt sich bei mir große Ernüchterung ein.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dieses Recap schreiben soll, oder lieber nicht. Bereits vor einigen Wochen hat mich Marco persönlich durch die ODC geführt, um mich als Content-Lieferanten zu gewinnen. Dabei habe ich ihm alle Punkte, die ich kritisch sehe, von Angesicht zu Angesicht dargelegt. Daher habe ich mich dazu entschieden das Recap zu veröffentlichen und hoffe auf eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Konzept und eine positive Entwicklung der Funktionen der Plattform in der Zukunft!

In diesem Recap erfährst Du, wieso die ODC in Wahrheit gar kein Event ist. Denn aus meiner Sicht verfehlt das Konzept insbesondere das Ziel, eine innovative Alternative zu bisherigen Veranstaltungen zu schaffen, aus mehreren Gründen:

1. Ohne Menschen, keine Gemeinschaft

Der virtuellen Stadt der Campixx-Macher fehlt jegliches Element, dass einen Event für mich ausmacht. So kommt bei mir nicht das Gefühl eines gemeinsamen Erlebens auf, das man von Kinobesuchen oder Live-Konzerten kennt. Ich glaube daher kann kein Gefühl einer Gemeinschaft in der virtuellen Stadt aufkommen, denn das wichtigste Element einer Stadt fehlt bislang noch: Die Menschen!

Für jeden Besucher ist die ODC menschenleer und der Besuch darin fühlt sich für mich isoliert und einsam an, was den ersten Besuchern der ODC gestern offenbar auch direkt aufgefallen ist:

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Es werden also nicht nur meine Erwartungen enttäuscht, denn es gibt in der ODC keine Avatare oder Repräsentation für die Teilnehmer. Jeder Besucher ist in seiner Instanz quasi alleine unterwegs. Das bedeutet, dass selbst wenn gerade ein Anderer an derselben Stelle wäre oder zufällig gerade das gleiche Video anschaut, niemand davon etwas mitbekommt. Dies wäre aus meiner Sicht der natürlichste Anknüpfungspunkt für das Networking gewesen.

2. Keine Interaktionsmöglichkeit

Weder untereinander, also zwischen Teilnehmern, noch mit den Ausstellern, Store-Besitzern oder den Inhalteanbietern ist derzeit eine Interaktion vorgesehen. Doch sind nicht gerade die Interaktionen mit anderen Menschen der Hauptgrund für die meisten Besucher auf eine Messe oder Konferenz zu gehen? Videokurse oder aufgezeichnete Vorträge kann man sich doch auch auf DVD kaufen, bei YouTube anschauen oder Spezialplattformen wie Ted ansehen.

So warten in den virtuellen Stores nicht etwa Avatare oder gar Mitarbeiter, sondern nur Displays darauf, dass man deren Videos abspielt. Auf den Straßen stehen unbewegliche Pappkameraden und hoffen auf das Starten ihrer Videobotschaften. Nichts ist live in der ODC! Alles ist aufgezeichnet. Es gibt ausschließlich statische Inhalte in der Stadt, in der die Zeit dadurch still zu stehen scheint.

3. Keine Gaming-Elemente

Als begeisterter Gamer finde ich es überaus schade, dass die Möglichkeiten der dreidimensionalen virtuelle Welt einfach nicht genutzt werden. So bietet die ODC Form von Gamification oder anderen innovativen Elementen. Die Stadt nach versteckten Video-Schnipseln abzusuchen mag in der Anfangsphase einen spielerischen Reiz ausmachen, die langfristige Motivation dazu sehe ich ehrlich gesagt derzeit nicht. Selbst wenn man alle Inhalte konsumieren möchte, gibt es derzeit keinerlei Information darüber, ob man schon alle Inhalte gefunden hat oder ob es seit dem letzten Besuch vielleicht neue Inhalte gibt.

„Hauptsache Anders“ mag für manche ein Grund sein, ich kann jedoch in der derzeitigen ODC beim besten Willen keine Innovation erkennen.

4. Schlechte Usability, keine shareability, keine searchability

Jede Menge Anglizismen, aber besser kann ich es nicht zusammenfassen. Veikko Wünsche beschreibt es mit seinem Kommentar „3D-Zugänge lohnen sich nur (für reine Informationssuchende), wenn der Mehrwert deutlich über den Unbequemlichkeitsfaktor liegt.“ ebenfalls sehr gut. Das haben diejenigen, die sich in der ersten 3D-Welle 1996, im Secondlife-Hype 2003 und der den zwei bisherigen VR-Hypes intensiv mit den Möglichkeiten und Chancen aber auch Nachteilen und Risiken auseinander gesetzt gelernt. Auch wenn die ODC keine echte 3D-Welt ist und man sich nur per Sprung von Punkt zu Punkt bewegen kann, ist dort jeweils ein 360° Dome zu erkunden und alle Inhalte müssen über virtuelle schwebende Interfaces innerhalb dieser Domes gefunden und aktiviert werden. Es besteht keine Möglichkeit die Inhalte der ODC zu durchsuchen, zu durchblättern oder einen tollen Inhalt mit jemandem anderen zu teilen.

Kurz: Aus meiner Sicht eine extreme schlechte Nutzererfahrung.

5. Ein schwieriges Geschäftsmodell

Mir ist durchaus klar, dass die ODC Geld verdienen soll, immerhin gibt es in Zeiten von Corona keine Einnahmen aus Veranstaltungen vor Ort und für gute Leistung bin ich auch gerne bereit gutes Geld zu bezahlen. Allerdings geht die Rechnung für mich nicht auf:

Firmen bezahlen dafür, um in der ODC mit Stores präsent sein zu können, also Werbung für sich zu machen. Soweit alles klar. Die Teilnehmer bezahlen für den Zugang zu den Inhalten der ODC. Es soll also an beiden Seiten verdient werden. Soweit gehe ich auch noch mit.

Was ist nun aber mit den Inhalten? Sind nicht gerade die Inhalte der eigentlich der Grund für einen Besuch in der ODC?

Diese Inhalte kommen aktuell für den Betreiber kostenfrei von Firmen oder Dienstleistern, ohne dass diese Möglichkeiten für die Generierung von Leads oder eine Kontaktaufnahme als Gegenleistung erhalten. Dass man in der ODC präsent ist und das damit verbundene Branding, muss Entlohnung genug sein. Ist dies Anreiz genug für wirklich erstklassige Inhalte?

Für mich war an dieser Stelle die Entscheidung gefallen, persönlich keine Inhalte in der ODC zu veröffentlichen.

Doch ich glaube, dass dieses Konzept für den Betreiber einen Nachteil hat: Aus meiner Sicht wird dadurch sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite beschränkt und die ODC landet in einem klassischen Henne-Ei-Problem. Denn durch Einbindung von gratis Content ist die Zahlungsbereitschaft der Teilnehmer niedrig und es lohnt sich kaum, aufwändige und wertvolle Inhalte auf der Plattform zu veröffentlichen. Ohne wirklich starke Inhalte zieht die ODC aber keine neuen Besucher an und ohne Besucher wird die Sache für die Store-Inhaber und Sponsoren uninteressant. Ich frage mich auch, wieso die Stadt eigentlich „Open“ heißt? Was ist daran offen, wenn der Betreiber die Inhalte kontrolliert und der Zugang nur gegen Zahlung oder Inhaltslieferung möglich ist?

Mein Fazit zur ODC

Zunächst einmal sei gesagt, dass die Straßenzüge der ODC wirklich cool aussehen und das Konzept vielversprechende Ansätze zeigt. Ebenso muss man dem Betreiber für seinen Mut Respekt zollen. Die ODC stellt definitiv eine Abwechslung im Alltag der coronabedingten Online-Marketing-Homeoffice-Welt dar. Viele Marketer werden sich sicherlich die neue virtuelle Welt anschauen und erkunden wollen, was sie bereit hält.

Allerdings glaube ich in der derzeitigen Form nicht an einen Erfolg. Wie schon eingangs beschrieben, habe dies dem Veranstalter vor dem Launch auch mitgeteilt und dementsprechend auch keinen Content eingereicht. Denn die ODC ist aus meiner Sicht derzeit nicht mehr, als ein schicker aber komplexer Videoplayer.

Die virtuelle Welt bietet aus meiner Sicht zudem zu wenig Orientierung im verteilten Content-Angebot. Die dreidimensionalen Interfaces sind komplizierter zu bedienen, als eine Webseite, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen. Das aus Google Streetview bekannte Prinzip der Fortbewegung funktioniert super, wird auf Dauer aber auch ein bisschen anstrenged. Man kann sich darin nicht frei bewegen, sondern ist an feste, vorgesehene Orte gebunden, um dort die 360°-Ansicht zugenießen.

Vielleicht werden im kommenden Jahr noch neue Features eingebaut, die einem virtuellen Event näher kommen, aber das halte ich angesichts der beschränkten Möglichkeiten der technischen Plattform für fraglich.

Mir ist klar, dass die Produktion der virtuellen Welt aufwändig und kostenintensiv ist, doch diese Kosten können sich aus meiner Sicht nur amortisieren, wenn sich eine Win-Win-Win-Win-Situation zwischen Betreiber, Besuchern, Sponsoren und Inhaltsanbietern einstellt. Dies sehe ich aktuell in der ODC nicht.

Ich bin dennoch gespannt, ob sich die ODC von einer leblosen Stadt doch noch in ein lebendiges, pulsierendes Zentrum für Marketer verwandeln kann, oder am Ende nicht mehr als ein schickes Referenzprojekt der neu gestarteten 3D-Firma wylder bleibt.

Mich interessiert Deine Meinung! Hast Du Dir die ODC schon angeschaut? Wie hat sie Dir gefallen? Bist Du bereit dafür Inhalte zu produzieren oder Eintritt zu bezahlen? Schreib es mir in den Kommentaren!

Update vom 3.12.

Ich habe mir die vielen Meinungen und Kommentare hier, aber vor allem zu meinem Post auf Facebook durchgelesen. Viele verstehen nicht, wieso ich das Projekt, mehr oder weniger abgeschrieben habe. Sie sehen es als einen ersten Schritt, einen MVP, der sich noch entwickeln kann.

Es ist nicht so, dass ich Marco nicht wünsche, dass die ODC ein Erfolg wird. Ganz im Gegenteil!

Wie eingangs geschrieben, bin ich ein großer Fan der ersten Campixxen und fände einen virtuellen Treffpunkt für den Austausch mit anderen Marketern sehr geil! In der Tat wünsche ich mir eine solche Möglichkeit, da ich insbesondere die Gespräche mit Leuten aus der Branche auf den Stammtischen sehr vermisse.

Aber all das finde ich eben nicht in der ODC.

Ich hoffe, dass das Recap durch die damit verbundene Aufmerksamkeit dem Projekt eher hilft, weil sich die Leser selbst eine Meinung bilden, die ODC besuchen und Marco die Wünsche der Community hört. Für den Mut zolle ich ihm Respekt, keine Frage. Die Sorgen und Nöte von Agenturinhaber, die in den vergangenen Jahren keinen Inbound-Kanal für Kundenanfragen aufgebaut haben, verstehe ich, aber gerade hier sehe ich in der ODC ja eben keine Lösung. Wie sollen auf der Plattform den Leads entstehen? Und wegen meiner, vielleicht sehr harten Worte:

Sorry, aber Lobhudeleien und Eier schaukeln bringen Marco doch auch nicht weiter… oder?

Seine Reaktion auf Facebook zeigt mir allerdings, (wie auch schon seine Reaktion auf mein direktes Feedback bei der Vorstellung) dass er mir abspricht, die Thematik verstanden zu haben und mich nicht als Teil der Lösung sieht. Daraus schließe ich, dass er mit der ODC garnicht in die von mir gewünschte Richtung gehen will!

marco Update! Viel Schatten, wenig Licht - Mein ODC-Recap

Diesen Post hat er mittlweile gelöscht oder vor mir versteckt. Ich finde das sagt auch einiges aus.

Mir fehlt für einen MVP schlichtweg die Möglichkeit der Kommunikation, die ich für essentiell halte. So viel Budget für die Optik auszugeben, ohne die zu grundlegenden Mechanismen nicht vertestet und die kritischsten Hypothesen getestet zu haben, halte ich schlichtweg für die falsche Entscheidung. Gerade bei Innovationsprojekten, bei denen es keine fertigen Lösungen oder klaren Wege gibt! Die MVP Entwicklung beruht auf Nutzerfeedback und soll Kosten und Risiken minimieren.

Ich freue mich, wenn sich die Plattform tatsächlich in eine positive Richtung entwickelt. Ich befürchte nur, dass dies innerhalb der derzeitigen Umgebung mit der verwendeten Technik nicht ohne Weiteres möglich ist. Die Inhalte werden zum Teil ja bewusst vor dem Nutzer versteckt, sind weder shareable noch searchable

Ich habe mir die Technik hinter der ODC etwas genauer angeschaut und Marco hatte mir in der Vorstellung auch ein paar Details dazu erzählt. Die Integration von Echtzeitkommunikation und Begegnungen ist offenbar vom Hersteller der Plattform derzeit einfach nicht vorgesehen. Daher fürchte ich, er hat sich technisch in eine Sackgasse begeben, aus der er nur sehr schwer wieder herauskommt. Hoffe allerdings dass ich mich irre und der Hersteller die Chance erkennt, die sich damit auch für ihn und weitere virtuelle Begegnungsstätten bietet und programmiert etwas in der Richtung oder sich eine andere technologische Basis (vielleicht eine Game-Engine wie Unity oder Unreal, oder ein 3D-Chat-Framework wie VRChat) findet, in der die Funktionen umgesetzt und die vorliegenden 3D-Assets wiederverwendet werden können.

Und falls nicht, kenne ich Marco lange und gut genug, um zu wissen, dass er sich davon nicht unterkriegen lässt!

2 Gedanken zu „Update! Viel Schatten, wenig Licht – Mein ODC-Recap“

  1. Danke für deine Einschätzung, Kai!
    Da im B2B-Umfeld dieses Jahr viele physische Messe weggefallen sind, Leads fehlen, stand natürlich bei unserer B2B Plattform induux virtuelle Messe (Liste hier alle Synonyme mit hohem Schwellwert) ganz oben auf der Liste.
    Unser Fazit:
    3D-Zugänge lohnen sich nur (für reine Informationssuchende), wenn der Mehrwert deutlich über den Unbequemlichkeitsfaktor liegt. Wir glauben (jetzt noch) nicht an 3D-Messestände, die für ein Event aufwändig angelegt/beauftragt werden müssen und meist doch nur 2D- oder normalen Video-Content abspielen.

    Unser Profil heißt seit Corona-Zeit “Showroom”, wir gehen in Richtung virtuelle Messe, aber mit dem Tempo, wie es Aufwand-/Nutzenverhältnis für den Nutzer gestattet.

    Ich glaube an eine Kombination: Schneller 2D-Zugang und 3D-Abtauchen in Medien-Objekte oder 3D-Welten; dann wenn dies Nutzen stiftet. Wenn mensch virtuell durch eine Maschinen wandern möchte, eine 3D-Beschreibung mehr bringt als eine 2D-Animation ….

    Deshalb ist unser Showroom, hier ein Beispiel von Würth Elektronik https://www.induux.de/3752 , eine normale 2D-Website mit “3D-Effekten” (Schatten 😉 und 3D im Video wie z.B.: https://www.induux.de/videos/1172

    Wir werden schrittweise in 3D eintauchen: So wie es Technik und User-Erfahrung ermöglicht. WebGL ist spanned z. B. … oder wo seht Ihr die Zukunft?

    Als ich 1996 mit VRML arbeitete (zur 3D-Darstellung von komplexen Informationsstrukturen) dachte ich auch, hey, jetzt wird alles 3D! 😉 … dann kam nix, dann kam Second Live, dann kam nix, dann kam Corona … jetzt klopft der Bedarf bei 3D-Lösungen an, deren Zeit wohl gerade kommt …

    Deswegen: Klasse @MarcoJanck dass Du schaust was geht. Machst. Klasse, dass Du Deine Erfahrungen teilst.

  2. Fast alle beschriebenen Gedanken hatte ich auch bei meinem kurzen Besuch. Die Basis sollte doch die Kommunikation untereinander sein, nicht die Optik der Umgebung?

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