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Wie schlecht darf eine SZ-Kolumne über Google sein?

71f399b7482e4bafaa990eb51baedb73 Wie schlecht darf eine SZ-Kolumne über Google sein?

Soeben habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Leserbrief an eine Redaktion geschrieben. Die aktuelle Netzkolumne „Googles liebstes Suchergebnis: Google“ von Michael Moorstedt hat mich derart schockiert, dass ich die anfängliche Sprachlosigkeit überwunden habe und gerade einen längeren Brief an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung geschickt habe.

Die SZ ist immerhin eine der seriösesten Zeitungen des Landes und zu Recht stolz auf ihren Kulturteil und die investigative Berichterstattung. Doch was Herr Moorstedt hier als Kolumne abgeliefert hat, erschreckt und beleidigt mich persönlich als Leser.

Denn wenn ich (als Google Experte) merke, wie oberflächlich man sich offenbar im Hause SZ mit diesem Thema beschäftigt hat, habe ich selbstverständlich die Befürchtung, dass dies bei Themen, in denen ich mich nicht so gut auskenne, ebenfalls passiert!

Natürlich kann man argumentieren, es handle sich dabei ja „nur“ um eine Kolumne, also einen kurzen Meinungsbeitrag. Natürlich gestehe ich Herr Moorstedt eine Meinung zu. Und natürlich darf er diese in einer Kolumne äußern.

Wenn er sich seine Meinung jedoch aus nachweislich falschen Fakten, wild zusammen geworfenen Thesen, inhaltlichen Fehlern und gefühlt rein oberflächlicher Auseinandersetzung mit dem Thema SEO und Suchalgorithmen bildet, erschüttert dies mein Vertrauen in die Marke Süddeutschen Zeitung ernsthaft. Ein Journalist, der auch für C3 und TERRITORY schreibt bzw. schrieb und ehemaliger Textchef bei WIRED Germany war, sollte es doch besser wissen, oder?

Herr Moorstedt kommt aus meiner Sicht zu vollkommen unlogischen Schlussfolgerungen, aus unzureichender Auseinandersetzung mit der Thematik und Fehlinterpretation seiner dünnen Faktenlage.

So. Nachdem ich meiner Empörung nun ausreichend Luft verschafft habe, hier die Stichpunkte, die ich der SZ-Redaktion soeben übermittelt habe:

  1. Sie schreiben „Die Google-Suche stirbt, so lautete dann auch eine zugegeben recht reißerische Überschrift auf einem Szene-Blog im Frühjahr“ ohne einen Hinweis darauf zu hinterlassen, auf welchen Beitrag in welchem Blog sich diese Anspielung bezieht. Das ist als Leser sehr unbefriedigend, denn ich hätte die Argumente dort sehr gerne ebenfalls gelesen.
  2. Sie zitieren von dort „dass Google immer öfter auf seine eigenen Seiten verweist anstatt auf Ressourcen im Web“ schlussfolgern später aus den Daten von Similarweb, nach der zufolge zwischen der Hälfte und zwei Dritteln aller Suchen nicht mit einem Klick auf eine andere Website enden, der Nutzer bliebe ratlos zurück.
  3. Aus der Behauptung „Entscheidend ist nicht mehr, dass Websites verständlich sein sollen“ entnehme ich, dass Sie sich offenbar nur sehr oberflächlich mit Googles Suchalgorithmen und dem Phänomen SEO auseinander gesetzt haben. Dank Updates wie Panda und auch den Core Updates, spielt nicht nur die inhaltliche Relevanz eine Rolle, sondern die Nutzerdaten von Suchenden und deren Verhalten auf der Google Suchergebnissseite fließen mittlerweile massiv ins Ranking einer Seite ein. Ist ein Suchergebnis zwar optimiert bzw. relevant genug um auf der ersten Sucherergebnisseite gerankt zu werden, enttäuscht dann aber den Nutzer, dessen Informationsbedürfnis und verfehlt damit die Suchabsicht, wird dieser Treffer früher oder später wieder aus den Top-Ergebnissen nach unten durchgereicht! Google spricht hier von Short-Clicks vs. Long-Clicks.
  4. Ihre Behauptung „Die Form schlägt den Inhalt“ ist in keiner Weise nachvollziehbar oder haltbar. Das würde bedeuten, dass mit reinen technischen Maßnahmen hinsichtlich Crawling, Indexierung und Template ein gutes Ranking erzielt werden könnte. Dies ist NICHT der Fall.
  5. Die Funktion bei brave heißt Goggles, nicht Googles! https://search.brave.com/help/goggles

Die Unart seine Quellen als Journalist nicht zu verlinken, kann ich als leidenschaftlicher Web Scientist und Fan von Medien- und Wissenschaftskommunikation ebenfalls nicht nachvollziehen.

Update

Nachdem ich die genannte Quelle „The Markup“ über Google gefunden und gelesen habe, beastätigt sich mein Eindruck, dass hier nicht sauber recherchiert worden ist. In der Kolumne zitiert Herr Moorstedt:

Wie das Datenjournalismus-Portal The Markup bei einer Untersuchung von 15 000 Suchanfragen herausfand, verweisen zwischen 40 Prozent und zwei Drittel aller Links auf der ersten Ergebnisseite inzwischen auf Google-Seiten.

Michael Moorstedt in seiner SZ-Kolumne

In der Originalquelle „“

Google devoted 41 percent of the first page of search results on mobile devices to its own properties and what it calls “direct answers,” …

Google’s Top Search Result?“ bei The Markup

Es geht in der Studie also nicht um die Anzahl der Klicks, sondern die Fläche! auf der ersten Suchergebnisseite. Das sollte man eigentlich mitbekommen, wenn man die Einleitung aufmerksam liest und einigermaßen des Englischen mächtig ist. Mit Hilfe eines Übersetzers wie DeepL oder beim kompletten Lesen der Studie und deren Methodik dahinter, wird die Sache umso klarer.

Fazit

Ich hoffe bei wichtigeren Themen nehmen sich Journalisten im Allgemeinen mehr Zeit und beschäftigen sich intensiver mit einem Thema, bevor sie sich dazu eine Meinung bilden und diese kundtun.

Gespannt bin ich jedenfalls, ob Herr Moorstedt oder die SZ-Redaktion auf meine E-Mail reagiert und die Kolumne womöglich sogar überarbeitet wird. Zum Vergleich mit der aktuellen Version der Kolumne hier noch die ursprüngliche Version im Internet Archive.

4 Gedanken zu „Wie schlecht darf eine SZ-Kolumne über Google sein?“

  1. „habe ich selbstverständlich die Befürchtung, dass dies bei Themen, in denen ich mich nicht so gut auskenne, ebenfalls passiert!“
    Ihre Befürchtung ist begründet. Ich war vor längerer Zeit selbst mal Gegenstand eines (wohlwollenden) SZ-Artikels. Die Hälfte aller Aussagen und Zitate waren falsch, teilweise waren sie frei erfunden. Die Journalistin machte später Karriere. Vor allem Artikel über Google und Facebook sind fast immer tendenziös. Da werden gerne die antiamerikanischen Ressentiments von Lesern bedient. Die Süddeutsche kann nur sehr bedingt als seriös betrachtet werden, damit steht sie aber nicht alleine da.

  2. Um noch mal auf die Frage des Beitrages zu antworten. Eine Kolumne, noch ein journalistischer Beitrag sollte schlecht und zudem gut recherchiert sein. Es ist wohl wieder mal der Münchner Hochmut, der offensichtlich auch im Hause SZ sitzt. Mit einer einfachen Mail wäre ein Dank an Dich, Kai, vor allem für Deine Mühe angebracht gewesen. Da muss man ja noch nicht mal die offensichtlichen Fehler zugeben. So bleibt, leider, wieder dieser Beigeschmack, dass es gar nicht mehr um Klasse, sondern nur noch um Masse geht. Von der SZ bin ich schon lange weg. Genau aus diesem Grund. Ein NZZ lesender Münchner.

  3. Interessanter Beitrag Kai, da bin ich dann auch mal gespannt ob sich die SZ meldet. Eine Richtigstellung wäre hier wohl zwingend erforderlich. Viele Grüße

    1. Das ist wohl nicht zu erwarten… Den Google/Goggles-Fehler hat man schon korrigiert, allerdings ohne Markierung/Hinweis in der Kolumne und per Mail hat sich auch niemand gemeldet.

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